Zwischen Hoffnung und Ernüchterung

Unser Vorstandsmitglied Catherine Duttweiler zieht Bilanz – fünf Jahre nach dem Westast-Aus. Artikel im Biel Bienne vom 17.2.2026

Zwischen der Bieler Altstadt und dem Stedtli Nidau besteht eine durchgehende Flanierzone, entlang von Schüss und Seeufer. Im Zentrum zirkulieren nur noch wenige schwere Laster, da für den Transitverkehr die Abkürzung durch die Innenstadt gesperrt ist. Das verlotterte Quartier an bester Lage hinter dem Bahnhof ist sanft renoviert worden. Autopendler parkieren in «Hubs» am Stadtrand, die mit kleinen Läden, Bus und Regiozügen gut erschlossen sind. Ausser sie sind bereits umgestiegen aufs Regiotram, das neu von Ins bis ins Bözingenfeld fährt.

So skizziert es das Zukunftsbild aus dem Dialogprozess zum Bieler Westast. Vertreterinnen und Vertreter aus 30 Organisationen und Gemeinden von links bis rechts hatten es vor fünf Jahren im Konsens entwickelt. Das gemeinsame Ziel: Mehr Sicherheit im Verkehr für alle, weniger Lärm und Abgase dafür kühlende Bäume und Plätze sollten die Lebensqualität in Biel und Nidau verbessern und die Innenstadt beleben.  Gleichzeitig wurde die 2,2 Milliarden teure Stadtautobahn mit zwei 270 Meter langen, offenen Auffahrten beim Bahnhof und am See abgeschrieben – ein Entscheid, der seit dem 1. März 2021 offiziell rechtsgültig ist, weil keine Einsprachen eingegangen sind. Sonst wäre das Gebiet zwischen Bahnhof und See schon heute und für mindestens 15 weitere Jahre eine Grossbaustelle.

Der erfolgreiche Widerstand gegen ein fertig geplantes Autobahnstück und der anschliessende Partizipationsprozess wurde vor fünf Jahren von Geschichtsprofessor Georg Kreis in der «Neuen Zürcher Zeitung» als historisch bezeichnet. Dann kam die Ernüchterung.

Demokratische Prozesse sind schwerfällig. Fünf Jahre später sind manche Verkehrsproblemeungelöst – und das Zukunftsbild ist in vielen Punkten Utopie. Zwar wurden in den letzten Jahren zahlreiche Studien und Expertengutachten erstellt, aber wenig entschieden und umgesetzt. Immerhin: Eine umfassende Verkehrszählung in der ganzen Region bestätigte im Mai 2023, dass der millionenschwere Bau von Autobahntunnels kaum Entlastung bringen würde. Kanton und Agglomeration haben entschieden: Bismindestens 2040 ist eine Tunnelumfahrung keine Option.

Massnahmen braucht es stattdessen innerhalb der Stadt Biel.

Und dort geht es glücklicherweise seit dem Stabwechsel im Stadtpräsidium von Erich Fehr zu Glenda Gonzalez Bassi und in der Stadtplanung von Florence Schmoll zu Sabine Gresch schneller vorwärts. Ein Praxischeck der 15 praktisch einstimmig verabschiedeten Massnahmen aus dem Dialogprozess zeigt, dass einiges aufgegleist wurde. Konkret bereiten Kanton und Stadt derzeit die Umgestaltung der viel befahrenen Westastachse vom Brüggmoos bis zum Seevorstadtkreisel zur sanft verkehrsberuhigten «Rue des Caractères» vor. Sie haben dabei ein Kunststück vollbracht: Dank Bäumen, begrünten Mittelstreifen und Fussgängerstreifen soll die Strasse auch ohne die landesweit umstrittene Einführung von Tempo 30 für Anwohner und Langsamverkehr erträglicher werden. Im Bözingenfeld führt die Stadt Verhandlungen, damit die S-Bahnen von Neuenburg und Solothurn zu Stosszeiten künftig einen Zusatzstopp bedienen: Mitarbeitende der Uhrenfirmen sollen vermehrt auf den öffentlichen Verkehr umsteigen. Zudem werden aktuell kleine Umsteigehubs für Autofahrende konzipiert. Für Biker und Velofahrerinnen schliesslich wurden mehrere Unfallschwerpunkte entschärft. Allerdings gibt es in der Stadt noch immer gefährliche «Fleischbremsen», so die abschätzige Bezeichnung des TCS für Velostreifen, die abrupt vor einem Engpass enden.

Das versprochene Transitverbot für den Schwerverkehr wurde nie ernsthaft angestrebt, da die Rechtsgrundlagen komplex sind. Weitere Massnahmen, auf die man sich im Dialog geeinigt hat, sind leider ganz weggefallen: Die Beteiligung am nationalen Pilotprojekt für «Mobility Pricing» wurde noch unter Erich Fehr gestoppt. Das versprochene Transitverbot für den Schwerverkehr wurde nie ernsthaft angestrebt, da die Rechtsgrundlagen komplex sind. Das Regiotram wurde vor zwei Jahren von der Regionalen Verkehrskonferenz beerdigt. Und bei der «Rue des Caractères» wurde die baufällige Neuenburgstrasse ganz ausgeklammert, obwohl sie zweifelsfrei zum Westastperimeter gehört. Der Grund: Das Bundesamt für Strassen hat dort ganz andere Pläne, die im Widerspruch zu den Bemühungen von Stadt und Kanton stehen. Es will dort die Nationalstrasse mit einer Zusatzsspur quer durchs Quartier Vingelz verbreitern sowie eine geteerte «Promenade» als Pufferzone am viel befahrenen Strassenrand erstellen. Zum Schutz der Strasse vor Steinschlag plant es zudem für über 400 000 Franken einen 4 Meter hohen und 110 Meter breiten Zaun mitten im Naturschutzgebiet. Gegen die unverhältnismässigen Bauten wehren sich Stadt und Kanton zusammen mit Schutzorganisationen und Einzelpersonen, die Einsprache erhoben haben. Pikant: Das Astra hat grobe Verfahrensfehler gemacht und mehrfach «vergessen», Dokumente zuzustellen, wodurch die Situation blockiert ist. Leittragende sind Schulkinder, Anwohnerinnen und Velofahrende auf Bielerseerundfahrt. Sie werden seit Jahren von schweren Lastwagen und Rasern bedrohlich nahe an Stützmauern und Böschungen gedrängt.

Fünf Jahre nach dem historischen Kompromiss besteht also weiterhin Handlungsbedarf, zumal rechtsbürgerliche Politiker aus der Agglomeration in Vorstössen im Grossen Rat immer wieder – zuletzt im November – den Bau einer Bieler Stadtautobahn fordern. Doch die Behörden, traumatisiert durch die für sie unberechenbare Bürgerbewegung, haben im letzten Herbst die zeitaufwändigen partizipativen Folgegremien des Dialogs aufgelöst. Sie haben seither wieder die alleinige Kontrolle über die politischen Prozesse. Das ist mit Verantwortung verbunden. Die Bieler Verkehrsprobleme haben sich nicht in Luft aufgelöst, und auf nationaler Ebene hat die Autolobby wegen dem Stabwechsel von Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga zu Albert Rösti neuerdings einen sehr direkten Draht in die Landesregierung. Stadtregierungen tun gut daran, die Bevölkerung miteinzubeziehen – in Biel wie auch im nahen Bern. Die Menschen vor Ort in den Quartieren kennen die Probleme und mögliche Lösungsansätze oft besser als Verbände und Verwaltungen.

Wenn man sie proaktiv und systematisch einbindet, lassen sich nicht nur teure Planungsleichen wie die Westast-Autobahn vermeiden. Menschen, die in der Stadt leben und diese nicht nur raschmöglichst durchqueren wollen, engagieren sich für eine lebenswerte und klimataugliche Zukunft. Sie gestalten diese immer öfter ohne eigenes Auto, wie offizielle Statistiken belegen: Seit sechs Jahren sinkt die Zahl der in Biel gemeldeten Personenwagen – trotz stark wachsender Bevölkerung. Doch offenbar ist diese Botschaft noch nicht in allen Amtsstuben angekommen.

Lesen Sie den Artikel als PDF-Dokument